Operation Eskimo

Eine eher stille Schülerschar aus dem Buchholz Glarus im Glarner Bus auf dem Weg nach Elm-Steinibach. Schneeberge am Strassenrand, ein bedeckter Himmel und da und dort skeptische, eher fragende Gesichter.

 

Würden wir unsere Ziele erreichen? Den Fussmarsch auf Schneeschuhen nach Obererbs mit unseren schweren Rucksäcken schaffen? Und die Nacht in der Kälte verbringen? Waren wir im Kopf bereit dazu und materialtechnisch vorbereitet? Und Kameraden und Kameradinnen genug, um einander zu helfen? Was wir in der Schule theoretisch geplant und vorbereitet hatten, wollten wir nun, Mitte der Oberstufenzeit, umsetzten um ein weiteres Abenteuer gemeinsam zu bestehen.

Am Buswendeplatz hinten im Steinibach erwarten uns Stefan Aschwanden, der Outdoor-Fachmann und Sämi Leuzinger, der Bergführer. Alles liegt bereit: Schneeschuhe, Lawinenverschütteten-Suchgeräte, Schaufeln, Schneesägen und Schnur. Material verstauen, Rucksäcke richten und den Bauchgurt festzurren, den Informationen und Tipps unseres Bergführers aufmerksam lauschen.

Und los! Start zur Operation Eskimo.

 

Hinten im Büel, vor dem eigentlichen Einstieg in den Wald und die Schneeschuhspur nach Obererbs entledigen wir uns der Jacken. Wir wollen möglichst wenig schwitzen, teilen uns in Gruppen, welche ihr eigenes Tempo bestimmen sollen. Sämi mit den schnelleren an der Spitze, ein Erwachsener in der Mitte und einer am Schluss. Alles muss heute wohl geplant und abgesichert sein, wenn Schulen sich an solche Unternehmungen wagen – Sicherheit zuerst!

 

Die Jugendlichen geben ihr Bestes, man sucht seinen Rhythmus, in einer Mädchengruppe ganz vorne wird gesungen, als wäre das ganze Buckeln eine Kleinigkeit. Da und dort etwas rote Köpfe und schnellerer Atem, ein Junge tauscht den ganz schweren Rucksack eines Mädchens mit seinem, kleine Pausen werden eingestreut und bald schon treten wir aus dem Wald. Noch kann man die Hütten nicht sehen. Weiter. Die Schnelleren sind schon oben und bald erreichen auch wir Gemächlicheren stolz unser Ziel. Wir gratulieren. Erstes Ziel erreicht.

 

Nach dem Umziehen dürfen wir in der Hütte bei Doris und Ruedi Wissmann warmes Wasser für unsere Instant-Suppen besorgen und verpflegen uns reichlich, um gestärkt zu sein für die harte Arbeit am Nachmittag: den Bau von sieben Iglus, in denen möglichst alle Jugendlichen die Nacht verbringen sollen.

 

Etwa 200 Meter südlich der Hütte hatten die Leiter die Bauplätze und den „Steinbruch“ für die Schneeziegel bezeichnet. Man sollte nicht zu weite Wege gehen müssen mit den recht schweren, grossen Ziegeln. Um an die guten Schneeschichten zu kommen, musste zuerst eine riesige Schneeschicht abgetragen werden. Unglaublich wie viel Schnee auf Obererbs liegt!. Drei, vier Meter sicher! In der Schule hatten wir von unserem Fachmann und Youtube gelernt, dass der Boden gut gestampft und abgeplattet sein musste. Für jedes Iglu sollte ein ganz bestimmter Radius von 1.1 Metern eingehalten und dann in einem genau bestimmten Winkel eine erste Reihe von Ziegeln gesetzt werden, die man dann in einem nächsten Schritt zu einer flachen Rampe zurechtschnitt. Nun sollten die folgenden Ziegelreihen spiralförmig in die Höhe wachsen. Das hiess also: Der Baumeister oder die Baumeisterin  musste im Inneren des Baus bleiben und die angelieferten Ziegel sorgfältig festmachen. Leichter geschrieben als gemacht – ehrlich! Nun hörte man da und dort den einen oder anderen Fluch, wenn das Handgeschick nicht ganz reichte. Im Steinbruch wurde geschuftet, die Schneedecke immer aufs Neu abgetragen, auf Festigkeit geprüft, kunstvoll geschnitten und tapfer Ziegel um Ziegel abtransportiert. Die Bergarbeiter frassen sich in den Schneehang und die Stunden vergingen.

 

Erst nach der fünften, schneckenförmig angelegten Reihe glauben wir daran, dass wir es schaffen können. Sämi und Stefan rotieren von einem Iglu zum anderen und bieten Hilfe. Nun ist die Ruhe der beiden Spezialisten und viel Durchhaltewille der Jungen und Mädchen gefragt. Alles nass: Schuhe, Socken, Handschuhe, Jacke, Pullover. Die Arme werden schwer, die Beine müde. Und der Kopf auch. Einige arbeiten ohne Pause, trinken dann und wann, einige wärmen sich auf in der Hütte bei Doris und Ruedi Wissmann. Ein Blick aus dem Steinbruch in die Runde zeigt, dass die Mädchen schnell sind. Da und dort sieht man nur noch den Kopf der Konstrukteurin aus dem entstehenden Iglu ragen und um 17 Uhr setzen die ersten Gruppen den „Deckel“, den letzten Stein. Der Eingang wird kunstvoll gegraben, die Konstrukteurin befreit und ein Blick vom Igluboden in den Abendhimmel draussen lässt uns staunen - wunderbar, gelblichweisses Licht schimmert durch die Fugen der Ziegelmauern!

 

Die Zeit drängt, es dunkelt und wir müssen zwei der sieben Iglus „opfern“, um die frei werdenden Steine für drei noch nicht ganz fertige Bauten nutzen. Es ist bereits stockdunkel, als wir die letzten Steine setzen, das Material zusammenräumen und die Wärme der Hütte suchen. Es nieselt. Unser zweites Ziel haben wir nicht ganz erreicht – aber wir sind trotzdem glücklich!

 

Trockene Füsse waren nun wichtig und ein frisches Leibchen angenehm und ebenso das feine Nachtessen, das uns das Hüttenwart-Ehepaar servierte: Salat, Spaghetti mit feiner Sauce und Wienerli und Sirup zum Trinken. Wir verspürten Kohldampf und grossen Durst und so ehrten Alt und Jung Speis und Trank. Sogar einen köstlichen Dessert liessen wir uns noch schmecken. So sassen wir, erzählten und lachten. Und als es daran ging, die Schlafplätze in den Iglus zu verteilen erlebten wir Erwachsenen etwas Sonderbares: Einige Jungs waren gar nicht so erpicht darauf, die Nacht im Iglu zu verbringen – die Mädchen hingegen allesamt! So galt es nun, für die Nacht die nötigen Instruktionen und Erklärungen zu geben, um die lange Winternacht unbeschadet zu überstehen. Die Hüttenwarte offerierten noch eine alte Wolldecke und so konnte nichts mehr schief gehen. Und bald sah man die Lichtkegel der Stirnlampen Richtung Hausstock-Nordwand zu den Schneehäusern ziehen, in den Iglus erglomm geheimnisvolles Licht und das Gemurmel der sich zum Schlafen einrichtenden Jungen und Mädchen klang leise in die Nacht.

 

Eine Stunde später. Die Fackeln brennen aus. Die letzten Reissverschlüsse ratschen, da und dort wird noch getuschelt und gekichert. In Iglu 3 liegt jener glückliche Junge, der zwischen zwei Mädchen schlafen darf. Das darf er ausnahmsweise, weil er seine Hütte mit ihnen erstellt hat. Jetzt in dieser dunklen, sehr sehr stillen Nacht ohne Sterne bleibt viel Zeit zum Nachdenken und die Stunden haben keine Eile. Ein eigenartiges Gefühl. Irgendwie dürfte da etwas mehr Platz sein… Neben mir schläft Stefan den Schlaf des Gerechten. Ein Tropfen fällt von der Decke.

 

Als die Jungmannschaft etwas verfroren und klamm aus den Schlafsäcken kroch, wurde sie von einem wunderbaren Morgenhimmel und einer grandiosen Bergkulisse begrüsst: vorne der Hausstock schon im ersten Sonnenlicht, im Westen die Schneehänge des Kärpf und des Leiterberges und im Osten der Vorab und die Tschingelhörner und im Nordosten das Kleintal. Nun, dafür hatte man eher weniger Augen als für den grosszügigen Z’Morgen, der uns von Herr und Frau Wissmann serviert wurde. Bald wich die nächtliche Kälte einem sehr angenehmen Gefühl: wir hatten eine Nacht im selber gebauten Iglu verbracht und darauf waren wir mächtig stolz. Jetzt galt es unsere Siebensachen zusammen zu räumen und nach einem interessanten Spiel zum Gebrauch des Lawinenverschütteten-Gerätes durch unseren ruhigen, netten Bergführer und einem Gruppenfoto der Klasse, machten wir uns auf den Weg ins Tal. Nicht mehr ganz so frisch wie noch gestern, jedoch sehr zufrieden und um ein Abenteuer reicher. Operation Eskimo erfolgreich abgeschlossen. Mission accomplished!

 

Klasse 2Sc, Buchholz Glarus

Jean-Daniel Laurent, Stefan Aschwanden

Sämi Leuzinger, Bergführer